Wie geht es betroffenen Kindern/Jugendlichen? Wie machen sie sich bemerkbar?

Ein sexueller Übergriff ist ein tiefgreifender Vertrauensmissbrauch, der oftmals durch nahestehende Personen begangen wird.
Vielen Menschen wagen es nach sexuellen Missbrauchserlebnissen nicht, sich anderen Menschen offen mitzuteilen. Betroffene befürchten oft, dass ihnen niemand glauben wird. Sie fühlen sich (mit-) schuldig und schämen sich. Meist wollen sie „einfach nur alles schnell vergessen“. Dennoch teilen sie sich mit, um die für sie sehr belastende Situation zu beenden.
Kinder senden unterschiedliche Botschaften aus. Manchmal ändern sie ihr Verhalten ohne von außen ersichtlichen Grund. Einige Kinder wirken verschlossen und bedrückt und lassen niemanden an sich heran. Andere sind sehr nervös und reagieren auch auf Kleinigkeiten aggressiv – entgegen ihren eigentlichen Gewohnheiten. Wieder andere Kinder verhalten sich plötzlich „kleinkindmäßig“ oder schlafen schlecht. Manche Kinder versuchen auch vorsichtige Andeutungen in Gesprächen.

Um mit den furchtbaren Erlebnissen und belastenden Geheimnissen irgendwie klar zu kommen, entwickeln Betroffene häufig Strategien, die das (emotionale) Überleben sicherstellen. Zunächst sind diese Strategien scheinbar hilfreich, um das „Funktionieren“ im Alltag zu ermöglichen. Langfristig schaden sie den Betroffenen jedoch, auch, da sie die Verarbeitung der Erlebnisse verhindern.

Wie stark die Folgen sexueller Übergriffe Betroffene beeinträchtigen, hängt unter anderem davon ab, was passiert ist. Gibt es eine Vertrauensperson, der das Mädchen/der Junge von dem Erlebnis erzählen kann, der ihr/ihm glaubt und hilft, so gelingt die Verarbeitung des Übergriffes leichter. Schlimm ist nicht nur die Tat an sich, sondern vor allem der Vertrauensbruch durch den Täter/die Täterin und die Tatsache, dass niemand aus der Familie etwas gemerkt oder die Tat verhindert hat. Das Alleine- und Ausgeliefertsein ist neben möglichen körperlichen Beschwerden meist das Schwerwiegendste. Die Betroffenen schweigen in der Regel, um die missbrauchende Person nicht zu verlieren, was für Außenstehende schwierig zu verstehen ist. Sie wollen jedoch, dass der Missbrauch aufhört. So übernehmen sie die Verantwortung dafür, dass die Familie nicht auseinander bricht.

Oft ist es für betroffene Menschen besonders schwer, zu anderen (wieder) Vertrauen zu fassen, da sie Angst haben, erneut missbraucht oder funktionalisiert zu werden. Deshalb halten Betroffene andere Menschen auf Abstand und lassen niemanden an sich heran oder aber sie verhalten sich „vertrauensselig“ und können potenzielle Gefahren nicht realistisch abschätzen. Auch noch im Erwachsenenalter können sich Beziehungen zu anderen Menschen schwierig gestalten.

Betroffene, die mitunter Jahre oder auch Jahrzehnte mit ihren Erlebnissen allein bleiben und keinerlei Hilfe in Anspruch nehmen, entwickeln möglicherweise psychosomatische Erkrankungen oder auch Süchte, Essstörungen, Depressionen, Zwänge oder Ängste. Ebenso können selbstschädigendes oder aggressives Verhalten oder Selbstmordgefährdung auftreten.

Neben den langfristig schädigenden „Überlebensstrategien“ aktiviert jede/r Betroffene andererseits auch Selbstheilungskräfte und Verhaltensweisen, aus denen Kraft geschöpft werden kann und die wohl tun.